23.01.2003

Theater
"Antike Tragödie mit Juckpulver"
VON PETER HANS GOPFERT

Wenn die Tür geöfihet wird, durch die das Publikum auf die Bühne
gelangt, läuft dort bereits ein Fest.Der polnische Regisseur Wlodzimierz Staniewski, Gründer und Leiter des "Centre for Theatre Practices Gardzienice", macht das bäuerliche Fest selbst zur Spielform seiner „Scenes frorn Electra".
Anders als die Dramatiker Aischylos und Sophokles hat Euripides die Tochter des ermordeten Agamem non aufs Land geschickt und mit einem Bauern verheiraten lassen.

Als Staniewski und sein Ensemble vor einem Vierteljahrhundert der Stadt den Rücken kehrten und nach Ostpolen aufs Land zogen, reagierte man bewusst auf die politische Situation. Inzwischen hat das"Centre for Theatre Pracdces Gard-
zienice" langst überregionale Bekanntheit gewonnen. 1999 war es
bereits zum „Theater der Welt" in Berlin, jetzt erönhet es das kleine Festival „Polski Express" in den Hebbel-am-Ufer-Häusern.

Die rasche Inszenierung reflektiert also auch eigene Geschichte und das unmittelbare Umfeld ihrer Arbeit. Sie hat den Charme eines improvisierten Straßentheaters. Kostüme und Perücken - wie aus dem Fundus zusammengeklaubt. Polnisch, Englisch, Übertitel. Keine strenge Tragödie. Eher getanztes, gesungenes, ohne Tempolimit abgespultes Ritual. Zwar hört man
die Klagen Klytamnestras über Agamemnon, der die andere Tochter ihrem Schicksal preisgab, Elektras Wut auf die Mutter und deren neuen Gatten Aigisth und auch Orests Lamentation über die bevorstehen de Mordtat. Aber die Regie zielt darüber hinaus - oder daran vorbei.

Zu Beginn, wie in einem Animationsfilm, wird eine Tötungsszene auf die Projektionswand geworfen. Später sieht man auch VasenS maiereien mit Satyrn. Eros und höhere Bestimmung, Inzest und zerrissene Seele liegen dicht bei-
einander. Die Hauptmotive vom Erkennen der Geschwister, von göttlichem Auftrag und individueller Schuld geraten hart an den Rand der obsessiven Raserei. Fast scheint es, die Spieler hätten allesamt Juckpulver geschluckt, um diesen alten
Thriller vorsätzlich unverfeinert und auf trivialisierte Art sich aus dem Leib zu erzählen. Was man erlebt, gleicht nicht gerade einer Orgie, aber die szenische Ausgelas senheit ist doch beträchtlich, ganz ohne den Genuss geharzten Weines.

Staniewskis Truppe hat schon bei früherer Gelegenheit griechische Mythen- und Musikkunde betrie- ben. Hier geht man leger mit den Erfahrungen um und greift auch zum Akkordeon. Die Aufführung,immer am Rande zum Kunstgewerbe, ist nicht ohne Faszination. Allerdings werden die Ausdrucks-möglichkeiten von Gestus und Tanz, wie sie hier instrumentalisiert werden, deutlich überschätzt,
„I am
free", sagt Elektra am Ende. Regie war es schon vorher.

HAU 1, Stresemannstraße 29, Kreuzbi
tel. 259 004 27. Termine: Heute und
morgen, 21 Uhr.